Neben den “Klassresa” Erlebnissen starten wir die Woche mit der Fortsetzung des Interviews mit Sebastian. Der erste Teil endete mit seinen Erzählungen zu den Anfängen der String Theory in Berlin. Interessiert hat uns dann, wie es damit in Göteborg weiter ging. Hier also der zweite Streich…
Gemeinsam mit Deiner Frau hast Du die String Theory dann sozusagen mit nach Göteborg „genommen“
Sebastian: Ja, Nathalie war ja schon in Berlin dabei. Als ich dann langsam auf den Trichter kam was in Göteborg musikalisch abgeht, haben wir angefangen darüber zu diskutieren wie wir die String Theory dort machen könnten. Die Stadt hat eine halbe Millionen Einwohner. So viel wie Hannover, wo ich ursprünglich herkomme. Was in Göteborg an kreativer Energie herrscht und bei so wenig Leuten abgeht, ist unglaublich. Dann hab ich Berlin angerufen und gefragt „könnt ihr euch vorstellen dass auch in Schweden zu machen, mit schwedischen Künstlern?“. Gefolgt von Vorschlägen, mit wem wir gerne arbeiten würden, wie José Gonzáles, El Perro Del Mar oder Pacific!. Also alles Freunde oder Leute, mit denen wir bekannt waren, zusammen gearbeitet haben oder die wir unterstützen und feiern.
Ganz am Anfang, 2009, als wir mit der Idee schwanger gingen, haben wir dann einen Freund getroffen, Aleksander Motturi. Er ist der künstlerische Leiter des Clandestino Festival, einem experimentellen Weltmusik-Festival, was jeden Sommer in Göteborg stattfindet. Was übrigens der Knaller ist. Wenn ihr mal eine richtig coole Mischung aus heißen Insider Acts und Avantgarde in einer wunderschönen Location erleben wollt, dann bei diesem Festival.
Jedenfalls haben wir ihm von der Idee erzählt, dass wir Pop, Jazz und Rock Künstler mit einem Streichquartett zusammenwerfen möchten um zu produzieren und eine Platte aufzunehmen, welche später live präsentiert werden soll. Da meinte er “wenn ihr das hinbekommt, kriegt ihr sofort meinen Sonntags-Slot auf dem Clandestino Festival”. Somit hatten wir damals auch direkt eine Deadline und es hieß ok, ab jetzt haben wir noch 4 Monate.
Nicht viel Zeit um einen derartigen Act auf die Beine zu stellen..
Stimmt. Wir haben uns dann wirklich richtig angestrengt. Dabei bekamen wir tolle Unterstützung und auch noch gratis. Das war toll. So z. B. das grandiose Filmstudio von Kokokaka, einer Werbeagentur in Göteborg, wo die Miete eigentlich 2000 Euro am Tag kostet. Haben sie uns umsonst gegeben, da sie die Idee supporten. Und da das Clandestino Festival uns eingeladen hatte, haben wir ganz viele Fundings von der Stadt Göteborg bekommen. Das Goethe Institut hat die Reisen der Deutschen bezahlt etc. Wir waren gleich so kulturell vernetzt. Das hat richtig Spaß gemacht. Wir haben glaub ich 15 Leute aus Berlin nach Schweden gekarrt und auf die smarten und bisschen artigen Schweden treffen lassen, das war eine super Kulturexplosion.
Nach dem Clandestino bekamen wir dann richtig klasse Rezensionen. Zum Festival sind damals auch Leute extra aus Stockholm angereist. Das ist das Schöne an Schweden. Es ist klein, wenn da eine Sache wirklich avantgardistisch, innovativ und gut ist kriegen das sofort ganz viele Leute mit. Und auch die richtigen Leute.
Ja, und 3 Monate später bin ich dann zum Programmdirektor des Konzerthuset - ein klassischer, bildschöner Bau aus den 30iger Jahren - und habe gesagt, dass wir dort gerne mit der Göteborg String Theory spielen möchten. Er war gleich von der Idee überzeugt. Du bekommst aus den institutionellen Bereichen tollen Support. Da sitzt nicht einer mit Snob-Ego und sagt „Du kleiner Hippie, was willst Du da mit Deiner Hippie-Kacke“, sondern der sagt „gute Idee, mach mal”. Am gleichen Tag haben wir die Gage abgemacht. Ich hatte mir diese spontan überlegt und dachte “dass nimmt er mir nie ab”. Aber er sagte direkt ja. Ich hab dann gleich alle in die nächste Bar eingeladen und wir haben einen Deckel von 1000 Euro gesoffen ;)
Also habt Ihr mit dem Projekt noch einige Pläne..
Sebastian: Oh ja. Danach ist ja noch viel passiert. Erstmal das Konzert im April 2010. Am gleichen Tag wurde auch die Platte veröffentlicht. Über ein Kunstlabel das normalerweise nur so limited Editions von 200 bis 300 Vinyl Scheiben macht. Es war also die erste, größere Produktion wo rund 1000 CDs und ich glaube 400/500 Vinyl Doppel-LP’s gemacht wurden. Die richtig teuer waren. Aber die Leute haben sie gekauft. Das war so richtiges Artwork. Da ging es mehr um das Anfassen, die Struktur des Papiers, die Bilder und so. Wir haben gleich mit Fotografen gearbeitet. Für die spätere Show mit José Gonzáles dann mit Visual Artists. Also jedes Stück wurde von Visual Artists interpretiert. Somit war es nicht nur die Weltpremiere des neuen musikalischen Arrangements, sondern auch die Weltpremiere der Visuals. Diese waren auch nicht einfach nur von irgendwelchen Nasen, sondern etablierten Künstlern wie Nanna Van Heest, Christoffer Fransson oder Star-Architektin Frida Sjöstam. Also wirklich richtig hohes Niveau. Da waren wir mächtig stolz drauf.
Danach war erstmal Sense. Dann waren wir erstmal ausgebrannt.
Im August kam dann eine Anfrage von José Gonzáles, der sagte „hej, das Kulturfestival hat mich eingeladen, ich soll das irgendwie eröffnen. Sie haben uns wahnsinnig viel Geld gegeben und wollen irgendwas Besonderes. Kann ich nicht mit dem Orchester dort spielen?“. Das hab ich dann organisiert, Nackt hat neue Arrangements geschrieben und es lief alles richtig gut.
Dann kurz vor Weihnachten rief der Manager von José an und fragte, ob ich mir vorstellen kann, mit dem ganzen Ding auf Tour zu gehen, und sagte im selben Atemzug „ich hab übrigens schon 12 Konzerte buchen lassen“. Das war krass. Ich erwiderte mit “alles klar, ich ruf sie alle an”.
Das war dann die Europatournee im März/April 2011, mit 19 Shows, 14 davon ausverkauft. Also ein riesiger Erfolg. Viele des Ensembles waren das erste Mal überhaupt auf Tour und dann gleich auf diesem Niveau, das war ein sagenhafter Erfolg.
Bildquellen:
Sebastian Gäbel - Carolin Kraft
The Göteborg String Theory - Wordpress
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